Fast täglich wird in den Medien, wie z. B. Tageszeitungen, Fernsehen und Radio über Gewalttaten berichtet. Hinzu kommen Berichte von z. B. Freunden, Nachbarn oder Arbeitskollegen über die neuesten Ereignisse aus der näheren Umgebung, bestückt mit einer persönlichen Note aus Besorgnis, Hilflosigkeit und Schiksalsfügung. Es entsteht eine Diskrepanz zwischen einer gefühlten und der tatsächlichen Bedrohungslage, da tiefgreifende Emotionen häufig ein rationales und praktischen Denken überlagern. Wie sieht aber so ein Ernstfall in der Praxis aus?

Menschen vs. Realität

Für viele Menschen ist die Realität von Gewalttaten glücklicherweise weit von deren Lebenspraxis entfernt. Ihre einzige Möglichkeit ist daher, sich dem Thema theoretisch anzunähern, sofern hierzu die Motivation besteht. Dabei wirft die Praxis von Gewalttaten viele Fragen auf. Eine der hierbei am häufigsten gestellten Fragen ist die nach der eigenen Sicherheit, explizit nach Möglichkeiten, sich selbst effektiv schützen bzw. verteidigen zu können. Auch hier entstehen Diskrepanzen zwischen Gefühl und Praxis. So betreiben beispielsweise einige Menschen gerade aufgrund des eigenen Sicherheitsgefühls eine Kampfsportart oder eine Kampfkunst. Einige unter ihnen werden aber dennoch Opfer einer Gewalttat, da sie die Praxis des Ernstfalls zumeist im Training idealisiert und sportlich aufgearbeitet vorgefunden haben.

Damit ist gemeint, dass ein Kampf – unabhängig davon, wo er stattfindet (Sporthalle, Straße) sehr häufig in schwarz-weiß gemalt wird: Entweder man gewinnt, oder man verliert. Diese Ideologie macht – so komisch das jetzt auch klingen mag – durchaus im Kampfsport Sinn, weil derenz Essenz sich im Wettkampf aus gewinnen und verlieren speist. “The Winner takes it all”… heißt das Lied der bekannten schwedischen Popgruppe “ABBA”, welches das Gewinnen und Verlieren nebeneinander stellt: Der Gewinner nimmt alles und steht im Rampenlicht, der Verlierer hat nichts mehr und steht im Abseits. Eine sehr sportliche Sichtweise, die auch sportliches Verhalten (z. B. Fairness) voraussetzt.

Die Realität auf der Straße folgt allerdings anderen Gesetzmäßigkeiten. Dort existieren weder Fairness noch ein schützendes Regelwerk und es wäre viel zu kurz gegriffen, würde man Täter und Opfer mit Verlierer und Gewinner gleichsetzen. Hierzu ein Beispiel aus der Praxis:

In mehreren Fernsehsendungen nach der Vergewaltigung in der Hamburger S-Bahn wird eine Berliner Judo-Kämpferin gezeigt, wie sie zwei aggressive Jugendliche zwar fachgerecht aufs Parkett legt, sich dabei aber selbst schwer verletzt und invalide wird. Das Schicksal dieser Frau versinnbildlicht Risiken und Nebenwirkungen von Selbstverteidigung als Strategie gegen Gewalt.

Joachim KerstenSelbstverteidigung gegen Gewalt in Psychologi heute, Jg. 1997/12

Wer ist in diesem Fall der Gewinner, wer der Verlierer? Wahrscheinlicher ist, dass die Judokämpferin nicht um einen Pokal, sondern um ihr Leben bzw. ihre Gesundheit kämpfte. Die Entscheidende Frage hierbei ist: Wie verändert der Kampf um die eigene Gesundheit und/oder das eigene Leben die Realität einer derartigen Auseinandersetzung?

Dem komplexem Ernstfall mit seinen Gesetzmäßigkeiten und dynamischen Entwicklungsmustern, dessen lauernden Gefahren und erheblichen Risiken für Leib und Leben muss daher mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden. Dabei gilt es, unabhängiger von Emotionen und Vorstellungskraft einen Blick auf Realität des Ernstfalles zu werfen. Nur mit einem derartigen, an die Realität gebundenen Wissen wird deutlich, was Opfer durchleben, was für “Handwerkszeug” im Ernsfall überhaupt benötigt wird und warum die richtigen, präventiven Maßnahmen sowohl für jeden einzelnen Menschen, als auch für gefährdete Personengruppen nicht nur sinnvoll und hilfreich, sondern auch notwendig sind.