Stressoren

Um den Ernstfall als Gefahr zu begreifen, ist ein Blick auf die Situationen notwendig, die zu Eskalationen führen können. Ersichtlich wird, dass jeder Opfer einer Gewalttat werden kann, selbst wenn er sich – nach eigenem Ermessen – noch so zurückhaltend und friedfertig verhält. Daher sollte man die wenigen Optionen, die man in derartigen Momenten zur Verfügung hat, ausnutzen. Hierzu gehört die Fähigkeit, zu erkennen und zu verstehen, wie die Mechanismen von gewaltauslösenden Faktoren ineinander greifen. Nur damit verschafft man sich unter den wenigen, eigenen Optionen eine reelle Chance, durch präventive Maßnahmen (z.B. Deeskalationstechniken) brisante Situationen entschärfen oder entspannen zu können.

Autor und anerkannte Autorität in der Kampfkunst, Keith R. KERNSPECHT, beschreibt in seinem Buch „Blitzdefence – Angriff ist die beste Verteidigung“ (Seite 25) brisante Situationen folgendermaßen:

  • Viele Personen auf engem Raum, auch Massenveranstaltungen, ggf. mit hohen Erwartungen an das Ereignis (z. B. Fußballspiele, politische Demonstrationen, Disco, Kneipe)
  • Stress im Straßenverkehr, bei der Parkplatzsuche, in öffentlichen Verkehrsmitteln oder auf dem Schulhof
  • Verteidigung des eigenen Terrains, z.B. auf dem eigenen Grundstück, im Geschäft usw.
  • Direkte Konfrontation mit feindlich gesonnenen Menschengruppen, z.B. Skinheads – Punker, Deutsche – Ausländer, Ghettobewohner – Privilegierte
  • Beim Streit am Arbeitsplatz
  • Beim Aufenthalt an unbeobachteten Orten, z.B. Parkhaus, Fahrstuhl, öffentliche Toilette, Hauseingänge

Viele Menschen kennen solche Situationen und versuchen sie zu vermeiden. Auf den ersten Blick mag diese Strategie sinnvoll erscheinen, langfristig gesehen birgt sie jedoch zwei Probleme: zum Einen entzieht man sich damit einem gewissen Lerneffekt. Da nicht sämtliche Situationen vermieden werden können, wird unweigerlich der Tag kommen, an dem eine derartige “Prüfung” ansteht. Hilfreich wäre, wenn man bereits Handlungsstrategien aufgrund vorheriger Erfahrungen positiv einsetzen könnte. Zum Anderen verursacht eine permanente Vermeidung derartiger Situationen eine enorme – zumeist psychische – Belastung für den Alltag, da sich sämtliche Planungen um diesen einzigen Punkt drehen. Dies könnte eine erhebliche Verringerung der Lebensqualität zur Folge haben, welche langfristig unweigerlich in psychische Erkrankungen mündet.

 

Weitere Faktoren

Zumeist entstehen problematische Situationen auf Grund undurchsichtiger bzw. unklarer Sachlagen, unreflektierter und vorschneller Schlussfolgerungen und übereilter Handlungen. Oft sind es mehrere Gewalt auslösende Faktoren, die eine Eskalation zur Folge haben. Von daher ist es wichtig, schon die ersten Anzeichen zu erkennen und zu deuten, um eine Eskalation abzuwenden. Grundsatz für Kampfkünstler und Kampfsportler ist: wenn Technik eingesetzt werden muss, haben bereits alle vorherigen, präventiven Maßnahmen versagt. Anders gesagt: die Anwendung von Techniken ist die – in einer aus mehreren Interventionen bestehenden Handlungskette – letzte bleibende Möglichkeit, um eine Gefahr für sich oder andere abzuwehren. Dementsprechend sorgfältig sollte man damit umgehen, sofern eine gefährliche Situation derartige Abwägungsprozesse überhaupt zulässt. Kernspecht zählt hierzu die folgenden Faktoren auf, welche Gewalt auslösen können:

  • Revierverhalten (auch im Straßenverkehr). Macho-Gehabe
  • Überforderung durch Belastung oder Konflikte in Familie und Beruf
  • Mangelnde Toleranz für andere (z. B. ehnisch-religiös)
  • Verblendung durch Aufhetzung von anderen, Rassismus, Vorurteile
  • Enttäuschte Erwartungen, auch in der Partnerschaft
  • Gefühl der eigenen Minderwertigkeit, Unzufriedenheit
  • Hohes Aggressionspotential, z. B. durch Alltagsärger, Frust, Neid, Wut und das Bedürfnis, sich abzureagieren (Ventilfunktion)
  • Steigende Gewaltbereitschaft durch Konsum von verrohenden Fernseh- /Video-Sendungen und Computerspielen
  • Suche nach eigenen Grenzen (z.B. antiautoritäre Erziehung)
  • Verzerrte Wahrnehmung durch Drogen oder Alkoholmissbrauch
  • Aggression auslösende Körpersprache, z. B. breitbeinig stehen, verschränkte Arme, Hände in die Hüften stemmen (non-verbale Kommunikation)
  • Verletztes Ehrgefühl und vermeintliche Kränkung (Beleidigungen)