Das Training

Das normale Training in einem Verein oder einer Schule presst die Schüler in eine bestimmte Form, Angriffe sind nicht ernst gemeint, Verletzungen deswegen nicht zu befürchten. Fairness und ein partnerschaftlicher Umgang miteinander sind zumeist feste Bestandteile der Statuten eines Vereines bzw. einer Schule. In einem sportlich fairen Wettkampf haben beide Parteien von Anfang an die gleichen Chancen, ein Kampfrichter überwacht die Einhaltung bestimmter Regeln. Begrenzungen der Kampffläche und der Kampfzeit, die Unterscheidung in Alters- und Gewichtsklassen sowie die Entschärfung gefährlicher Techniken charakterisieren den Wettkampf. Dieser unterscheidet sich deutlich von dem ernsten Charakter eines Straßenkampfes und ist daher in seinem Realitätsgrad erheblich eingeschränkt.

Außerdem handeln die verschiedenen Kampfsportarten und Kampfkünste im Bereich ihrer Selbstverteidigungsangebote fast ausschließlich ihr eigenes Repertoire ab. So besteht der Selbstverteidigungsaspekt im Judo hauptsächlich aus Würfen, Würgern und Haltegriffen, im Karate und Taekwon-Do eher aus Fuß- und Handtechniken und im Aikido vornehmlich aus Würfen, Hebeln und Rotationsbewegungen. Da Gewalttaten in ihrem Verlauf zumeist über mehrere so genannte „Kampfdistanzen“ ausgetragen werden und häufig mit der Bodenlage eines oder aller Kontrahenten enden, ist das Training sämtliche Distanzen für den Ernstfall unausweichlich.

Die Realität

In der Realität müsste ein Verteidiger “omnipotent” sein, um in einem Ernstfall verlässlich überlegen agieren zu können. Er müsste zum Zeitpunkt des Ernstfalls sowohl alle Kampfdistanzen beherrschen, als auch in der Lage sein, sämtliche darin enthaltene Techniken und Prinzipien ohne Verzögerung in Echtzeit anwenden zu können. Ebenso müsste ein Verteidiger zum Zeitpunkt des Ernstfalls physisch absolut fit und psychisch absolut stabil sein. Überdies müsste er über einen 7. Sinn verfügen, der ihn dazu befähigt, Gefahren bzw. Angriffe, die kurz bevor stehen, voraus zu sehen – wie in Filmen. Ein solcher Verteidiger wäre ein Prototyp. Er wäre der Schrecken eines jeden Täters. Kurzum: Er wäre Supermann.

Einen solchen idealisierten Verteidiger gibt es nicht. Dafür ist der Mensch viel zu fehlerhaft. Niemand weiß wirklich, wie er in derartigen Stresssituationen reagieren wird: blockiert der Geist? Sind die Beine schwach und lähmt die Angst das eigene Denken? Niemand weiß es vorher und weil kein Ernstfall einem anderen gleicht, können Menschen, die schon einmal Opfer einer Gewalttat geworden sind, auch hieraus keinerlei Rückschlüsse auf einen evtl. bevorstehenden Ernstfall ziehen. Genau dies ist auch das Problem der Kampfkünste und Selbstverteidigungssportarten: Angst kann man nicht ab- bzw. wegtrainieren, demzufolge auch nicht die damit einhergehenden physischen und psychischen Reaktionen.

Das Wort “Training” weißt schon auf den Übungscharakter hin, wohingegen bei einem Ernstfall das Opfer (fast) ausschließlich auf Urinstinkte, verinnerlichte Verhaltensweisen und tief verwurzelte Charaktereigenschaften zurückgreift. Ein Training findet immer in einer geschützten Umgebung statt und der Deal mit jedem Trainingsteilnehmer ist der, gesund und unversehrt vom Training nach Hause zurückzukehren. Auch die härtesten Trainingseinheiten mit dem Maximum an Realitätsnähe wird im Bewusstsein des Trainierenden nicht die Qualität eines tatsächlichen Ernstfalls mit all seinen physischen und psychischen Herausforderungen spiegeln. Ganz abgesehen davon werden sich Täter keine Opfer aussuchen, von denen von vornherein Probleme oder Schwierigkeiten ausgehen könnten.

Dennoch kann man durch ein gutes und umfassendes Training zumindest die Inhalte vertiefen, welche für einen Ernstfall unbedingt benötigt werden. Der folgende Überblick verdeutlicht den technischen Umfang eines Ernstfalls, bei der sich Täter und Opfer über sämtliche Distanzen bekämpfen. Abgesehen von den körperlichen Herausforderungen eines solchen Kampfes lässt sich der Stressfaktor nur erahnen. Die möglichen Kampfkünste und Kampfsportarten, welche hinter den jeweiligen Distanzen aufgeführt sind, sollen die Bandbreite der Angebote verdeutlichen und stehen repräsentativ für sämtliche Angebote:

Tritt-DistanzSavate, Kali, Thai-Boxen, Taekwon-Do, Capoeira, Karate, Kickboxen, etc.

In dieser Distanz wird vor allem mit Schuhwerk getreten, wobei Schuhspitze und Schuhrand wichtige Waffen sind. Auch die berüchtigten “low-kicks” – Schienbeintritte gegen die Beine des Gegners – kommen zur Geltung.

 
Box-DistanzEuropäisches Boxen, Kali, Thai-Boxen, Kickboxen, etc.

Längste Waffe ist der “eye-jab”, ein Fingerstich zu den Augen. Grundsätzlich wird allerdings der Faustkampf praktiziert, wobei die Hand naturgemäß als Hauptwaffe benutzt wird. Sie kann als Fauststoß oder Faustschlag, als Faustrückenschlag, als Handkantenschlag und als Hand- oder Fingerstiche eingesetzt werden. Auch sind in dieser Distanz kurze Tritte möglich.

 
Nahkampf- bzw. Trapping-DistanzKali, Wing-Chun, Thai-Boxen, etc.

Der Gegner ist zum Greifen nahe. Signifikant für diese Distanz ist die Überforderung des visuellen Systems: die Augen können den Täter nicht mehr ganz erfassen. Das taktile- und das kinästhetische System gleichen diesen Nachteil aus. Die Effektivität eigener Bewegungen liegt im sinnvollen und kurzfristigen festsetzen bzw. kontrollieren (trappen) der Arme und/oder Beine des Gegners. Dadurch findet sich Zeit und Raum für Gegenattacken durch Nahkampfwaffen, wie Ellbogen, Knie, Kopf, Hüfte, Schulter, Füße und Schienbeine.

 
Wurf-DistanzKali, Thai-Boxen, Silat, Ringen, Shoot-Wrestling, Judo, Ju-Jutsu, etc.

Ziel ist es, den Gegner unspektakulär zu Boden zu bringen und ihn dadurch evtl. kampfunfähig zu machen. Dabei ist jedes Mittel recht: umklammern, ziehen, schieben, reißen, schupsen, Beinstellen, Gelenke hebeln, Haare ziehen, kneifen, beißen usw. Auch Wurftechniken z. B. aus dem Judo oder Ringen finden ihre Anwendung.

 
Bodenkampf-DistanzKali, Shoot-Wrestling, Ringen, Judo, Silat, Ju-Jutsu, etc.

Als Waffe muss das gesamte Repertoire des Körpers genutzt werden. Der Gegner wird mit allen nur praktikablen Möglichkeiten bekämpft. Mit Grundängsten, wie Atemnot, Platzangst oder Todesängsten wird man nicht selten konfrontiert. Das Besiegen der Ängste, sowie intuitives Handeln und ein absoluter Siegeswille sind überlebenswichtige Eigenschaften und müssen ständig trainiert werden.