Tätersicht

Angesichts der unabsehbaren Konsequenzen für Leib und Leben beinhaltet eine Gewalttat – also der Ernstfall – äußerst bedrohliche “Qualitäten”. Sämtliche Gegebenheiten eines solchen Vorfalls begünstigen zunächst den Täter: er bestimmt Ort, Zeitpunkt, Vorgehen und Angriffstechnik und ist emotional und körperlich auf sein Vorhaben fixiert. In seinen Adern wirkt bereits das Streßhormone Adrenalin. Dies verschafft ihm die nötige Aggressivität, schaltet humanitäre Einflüsse aus und fokussiert seine gesamte Energie auf die geplante Absicht. Ein Täter unterliegt demnach in solchen Situationen keinem rationalen Rechtsempfinden und ist weder moralisch noch ethisch regulierbar. Gedanken über Sinn, Unsinn und Folgen macht sich der Täter in solchen Momenten nicht, Gewissensbisse und Hemmschwellen sind praktisch nicht vorhanden.

Temporär ist das Tätervorgehen geschätzt zu fast 90% erfolgreich. Man muss sich nur vor Augen halten, wie alt das Verbrechen bereits ist, wie es sich entwickelt und der jeweiligen Zeit angepasst hat und wie es sich den technischen Fortschritt zunutze machte. Will sagen: Hinter dem Verbrechen stehen fundierte Erfahrungen. Auch moralisch gibt es durchaus “Fortschritte”, wenn man das so nennen darf. Dem Täter hilft es, moralisch ungebunden zu sein, von daher sieht er die Menschen, denen er Leid zufügt, nicht als Menschen, sondern als Objekte. Er hat ein Ziel und wird für sein Umfeld entsprechend so lange zur Gefahr werden, bis dieses erreicht ist. Dabei ist das größte Problem eines Täters die Wahrung seiner Identität.

Auch wenn viele der Täter vllt. schon wärend ihrer Tat oder kurz danach gefasst werden können, bleiben aufseiten der Opfer zumeist bleibende Erinnerungen (vllt. sogar Traumata) zurück.

Opfersicht

Der Verteidiger ist – unabhängig von seiner momentanen Situation (gute Laune, mit Kinofilm beschäftigt, schlafend, spielend, im Gespräch vertieft, mit Kindern spazieren, etc.) – gezwungen zu reagieren, wenn er aufgrund der notwendigen Reaktionszeit (Zeitloch) und der eigenen Persönlichkeit (Reife) überhaupt dazu in der Lage ist. Die Situation ist unausweichlich: er muss sich dieser plötzlichen stressigen Gefahr stellen. Bei ihm bewirkt das Adrenalin eher Kniezittern, der Körper fühlt sich kraftlos an, die Situation überfordert ihn.

Angesichts der Stresssituation fällt es dem Verteidiger außerordentlich schwer, rationale und adäquate Entscheidungen zu treffen: er schwankt zwischen Panik, Flucht, Gegenwehr oder sich in sein Schicksal fügen. Flucht ist für den Verteidiger nur sinnvoll, wenn er konditionelle (Kraft, Ausdauer, Schnelligkeit) Vorteile gegenüber dem Angreifer besitzt. Viele Trainer geben häufig auch Frauen und Kindern den Tipp, den Angreifer zuerst mit einem “mind-drop” (eine Art Schock) abzulenken, um anschließend die Flucht antreten zu können. Dabei wird unterschätzt, dass es sich bei dem Angreifer um eine zumeist besonders gefährliche und rücksichtslose, evtl. sogar psychisch vorbelastete Person handelt. Sie verfolgt eigenständig und intelligent methodische und taktische Ziele und ist z.T. sogar bereit, bis zum bitteren Ende zu kämpfen.

Letztlich steht für den Angreifer viel auf dem Spiel: gerade bei schwerwiegenden Gewalttaten wird er kein Mittel scheuen, um seine Identität zu schützen. Auch aus diesem Grund ist ein derartiger Tipp mit äußerster Vorsicht zu genießen, da er von vornherein die konstitutionellen Gegebenheiten des Täters außer Acht lässt. Außerdem neigen Opfer häufig aus Panik dazu, sich bei der Flucht zu verlaufen bzw. ihren Fluchtweg unkoordiniert anzutreten – dies kann ein verhängnisvoller Fehler sein! Auch wäre es unklug, vor dem Täter zu flüchten, wenn man selbst konditionell nicht gut aufgestellt ist: Man flieht, wird eingeholt und hat dann – weil man durch die Flucht selbst geschwächt ist – kaum noch körperliche Mittel zur Gegenwehr.

Resümee

Zusammenfassend ist der Ernstfall bei genauerer Betrachtung wesentlich komplexer, als er auf den ersten Blick erscheint. Eine genaue Betrachtung ist aber sinnvoll, um verhängnisvolle Fehler aufgrund unzureichender Informationen auszuschließen. Außerdem bleibt festzustellen, dass es “die Strategie gegen einen Angreifer” nicht gibt und nie geben wird. So ist es z.B. in einer Situation durchaus sinnvoll den Täter durch Schreie und einer massiven Gegenwehr entgegenzutreten, in einer anderen Situation kann genau diese Strategie versagen und den Täter zu noch mehr Aktivität (vielleicht sogar zum Einsatzt noch brutalerer Mittel und Möglichkeiten) verleiten.

Um einem Vorurteil vorzubeugen: jede Waffe, die man mit sich führt, kann einem auch durch den Täter abgenommen werden, wobei diese unerwartet zur eigenen Gefahr wird. Dies gilt selbstverständlich (und gerade) auch für Messer in ungeübten Händen. Leider werden Täter häufig als unintelligente Nichtskönner angesehen, gegen die man sich leicht zur Wehr setzen kann. Von derartigen Bewertungsmodellen ist dringend abzuraten. Jeder Täter ist grundsätzlich eine Gefahr und sollte als solche erkannt und eingestuft werden. Daher gilt immer der Leitsatz: nur Waffen bei sich tragen, die a) sofort einsetzbar sind und b) deren Gebrauch man wirklich gut beherrscht. Die meisten Waffen scheitern allerdings schon an ihrer Einsetzbarkeit.

Ein letzter Gedanke beschäftigt sich mit der Moral. Täter sehen ihre Opfer als Objekte, nicht als Menschen. Eine erartige Sichtweise erleichtert es ihnen, ihr Vorhaben mit ihrem Gewissen zu vereinbaren. Wäre das nicht auch eine (erstrebenswerte) Strategie für Opfer? Wenn ja, stellt sich die Frage, wo und wie so etwas zu erlernen ist.