In diesem Bereich lassen sich Konflikte, die in der Schule häufig anzutreffen sind, in zwei grundlegende Kategorien einordnen: in Konflikte, die auf einer gestörten Beziehung zwischen Lehrer und Schüler zurückzuführen sind und Konflikte, in denen Schüler die Anweisungen eines Lehrers nicht oder nur unzureichend erfüllen. Die Vermutung, dass „Fehler in der gegenseitigen Wahrnehmung, unzutreffende Erwartungen und ungünstige Verhaltensweisen die Konflikte hervorrufen und stabilisieren“ und somit die Beziehung zwischen Lehrer und Schüler stören, vertreten Wahl, Weinert und Huber (Wahl/ Weinert/ Huber 1997, S. 102).

Die “selektive Wahrnehmung”

Lehrer nehmen häufig ihren Unterricht und die Schüler aufgrund ihrer vielseitigen Aufgaben (Schaffung einer optimalen Lernsituation für die Schüler, methodisch-didaktische Entscheidungen, Erhaltung der Lernmotivation bei den Schülern, Reaktion auf Verhalten von Schülern im Unterricht, Hilfen bei Problemen von Schülern, Pausenaufsicht, usw.) nur selektiv wahr. Vielfach ist der Anspruch eines einzelnen Schülers auf individuelle Unterstützung (z. B. mehr Zeit, mehr Aufmerksamkeit, mehr Motivation) mit dem Erreichen des Unterrichtszieles für die gesamte Klasse äquivalent. Daher befinden sich Lehrer häufig in einem Abwägungsprozess, bei dem es einerseits um die Einzelfallhilfe und andererseits um das Erreichen des Unterrichtsziels geht. In derartigen intrapersonalen Konflikten entscheiden sich Lehrer zumeist zu ungunsten des einzelnen Schülers, dessen Notlage unbearbeitet bleibt. (ebd.)

Die Schulhierarchie

Ein weiteres Konfliktpotential birgt, wie schon einmal erwähnt, die Stellung des Lehrers in der Schulhierarchie, der seine Autorität auch in ungerechtfertigter Form missbrauchen kann. In derartigen Situationen ist ein demokratischer Umgang zwischen Lehrer und Schüler nicht möglich, das Vertrauen, auf das eine Beziehung aufbaut, leidet darunter enorm. Dementsprechend prekär sind Konflikte, bei denen die Schüler genau diese Autorität eines Lehrers anzweifeln und es zu einem Machtkampf zwischen dem Lehrer und einzelnen Schülern bzw. Schülergruppen kommt. Dennoch werden derartige Konflikte auf „biegen und brechen“ geführt und sogar von Eltern und den Elternvertretungen häufig auch offensiv unterstützt.

Auffälliges Verhalten

Eine weitere, belastende Situation zwischen Lehrer und Schüler tritt dann ein, wenn Schüler mit unangemessenen Verhaltensweisen, wie z. B. Provokationen, aggressivem Auftreten oder Unterrichtsstörungen, die Fortsetzung des normalen Unterrichts einschränken oder unmöglich machen. Lehrer haben zumeist – aufgrund des begrenzten Zeitkontingents – keine geschickten Möglichkeiten, auf diese Störungen pädagogisch sinnvoll zu reagieren. Daher versuchen sie durch den Einsatz ihrer Machtmittel, Schüler z. B. einzuschüchtern, lächerlich zu machen oder eine Strafe anzudrohen, um einen Konflikt schon im Ansatz zu blockieren. Diese Strategie wirkt aber nicht immer.

Lehrer „…ziehen sich auf eine Machtposition zurück, fühlen sich aber dabei unwohl: Angedrohtes oder angewendetes Machtverhalten greift nicht, was zu einem Gefühl der Macht- oder Hilflosigkeit führen kann, besonders in Situationen, in denen einzelne Schülerinnen massiv psychisch unter Druck gesetzt werden“ (Walker 2001, S 11). Angst spielt dabei auf Seiten der Lehrer eine ganz wesentliche Rolle: die Angst den Überblick bzw. die Kontrolle über eine schwierige Situation zu verlieren, die Angst sich falsch zu verhalten, Angst vor der Eskalation einer Situation und einem Gesichtsverlust und natürlich auch die Angst selbst bedroht oder verletzt zu werden, hemmen viele Lehrer, sich einer Konfliktsituation im Klassenraum mit angemessenen Mitteln zu stellen. Auch Behn u.a. sehen die Lehrer in einer paradoxen Situation: „Während die Anforderung an die Erziehungs- und Bildungsaufgaben von Lehrer/innen stetig steigen, erleben sie ihre Handlungsmöglichkeiten als zunehmend eingeschränkt, um auf individuelle Problemlagen oder Konflikte von Schüler/innen einzugehen“ (Behn u. a. 2006, S. 123). Die Aussage einer Begleitlehrerin verdeutlicht noch einmal diesen intrapersonalen Konflikt der Lehrer:

Ich denke, das hat mit der Lehrerrolle zu tun. Dass die Erwartungen hier in Deutschland so sind, dass der also omnipotent sein muss, dass der ein hervorragender Fachmann sein muss, dass der ein hervorragender Didaktiker sein muss, dass der ein ausgezeichneter Pädagoge und Psychologe und Organisator und was weiß ich nicht alles. Ich denke, dass die meisten Lehrer das auch für sich verinnerlicht haben.

(Begleitlehrer 93, zitiert in: Behn u. a. 2006, S. 124)

Die Macht, Noten zu verteilen

Eine weitere Konfliktsituation zwischen Lehrer und Schüler bezieht sich wiederum auf die Machtposition der Lehrer, welche ihnen in diesem Fall von Seiten der Schüler zugeordnet wird. Sie sehen im Lehrer die personifizierte Schule, welche Noten verteilt und damit einen entscheidenden Einfluss auf ihr späteres Leben hat. Aus Sicht der Schüler vergeben die Lehrer Chancen und lösen damit nicht selten auch elementare Zukunftsängste aus. Dementsprechend entlädt sich die Wut der Schüler bei dem Gefühl einer ungerechten Beurteilung ihrer Leistung häufig am Lehrer, wohingegen diese i. d. R. die Schüler selbst für ihre Misserfolge verantwortlich machen.

Darüber hinaus sind weitere typischen Konflikte, die eine gestörte Beziehung zwischen Lehrer und Schüler vermuten lassen oder diese erst provozieren u. a. folgende Situationen:

  • Emotionen werden im Unterricht vom Lehrer nicht zugelasse
  • Schüler oder Lehrer fühlen sich nicht verstanden
  • Lehrer haben kein Vertrauen zu ihren Schülern
  • Lehrer bewerten ungerecht, ziehen bestimmte Schüler vor oder reagieren nur auf negative Verhaltensweisen

Erfüllung der Anweisungen des Lehrers

In einer letzten Betrachtung der Konfliktsituationen zwischen Lehrer und Schüler möchte ich noch auf die Konflikte eingehen, die aufgrund nicht oder nur teilweise erfüllter Anweisungen von Lehrern entstehen. Das dazu gehörige Paradebeispiel betrifft eine der elementaren Aufgaben des Lehrers im Unterricht: das Sorgen für Ruhe und Ordnung zugunsten einer angemessenen Arbeitsatmosphäre. Diese Ruhestörungen werden in den meisten Fällen von Lehrern als sehr lästig empfunden und z. T. auch als Missachtung ihrer Autorität gewertet. Dementsprechend konsequent fällt der Ruf zur Ordnung aus. Die Lehrkräfte verkennen hierbei häufig, dass Schüler durchaus auch ein Interesse an Nebengesprächen haben können, wenn sie z. B. Inhalte des Unterrichts nicht ganz verstanden haben oder nur ein wohlwollendes Wort zur Freundschaftspflege an ihren Mitschüler richten.

Weitere derartige Beispiele sind die nicht oder nur teilweise erledigte Hausaufgaben von Schülern oder deren vergessene Unterrichtsmaterialien (z. B. Bücher, Hefte, Stifte). Im Kern trifft es den Lehrer, der sich an der Durchführung seiner Pflichten als Lehrperson gehindert sieht. Auf Seiten der Schüler fehlt oft die Einsicht in Notwendigkeiten, bzw. der Blickwinkel für die Gesamtzusammenhänge. Sie verstehen nicht immer den Grund der verschiedenen Anweisungen und Pflichten, fühlen sich teilweise auch davon eingeengt, belästigt oder gar genötigt und reagieren infolgedessen distanziert bis abweisend. Auch hier möchte ich kurz noch weitere, typische Konflikte dieser Kategorie aufzählen:

  • Schüler kommen der Bitte des Lehrers nicht nach, sich für die nächste Unterrichtsstunde vorzubereiten
  • Schüler sind aufgrund äußerlicher Situationen (z. B. letzte Schulstunde, nach einer Arbeit) unkonzentriert
  • Wissensvermittlung, bei der Sinnfragen gestellt werden (z. B. mathematische Formeln: Wozu braucht man die?)
  • Umsetzung von Schülern als Sanktion, wobei sich der Schüler verweigert

Lehrer sind keine Pädagogen!

Abschließend der Hinweis, das Lehrer nicht – so wie im Volksmund gerne benannt – Pädagogen sind. Pädagogen und Sozialpädagogen arbeiten mit pädagogischen Aufträgen und Zielsetzungen, die sich unmittelbar an dem Entwicklungsstand, den Bedürfnissen und an den physischen und psychischen Gegebenheiten bzw. Bedingungen ihrer Klienten orientieren. Das Lehren von Schul-Unterrichtsfächern gehört ausdrücklich nicht dazu.

Pädagogen würden nicht von Kindern verlangen, bewegungslos zu sitzen, still zu sein und ihre Neugier zurückzuhalten. Kinder möchten herumtoben, ihre Stimme und ihren Körper ausprobieren und auf ihre Fragen Antworten bekommen. Auch würden Pädagogen die Lerninhalte unmittelbar an der Lebenspraxis der Kinder und Jugendlichen ausrichten und nicht ver-theoretisieren. Letztlich haben Pädagogen auch das pädagogische Know-How, Kinder und Jugendliche in Konfliktsituationen zu begleiten, weil es einer der elementaren Aufgaben im Rahmen der Sozialisation eines Menschen ist, Konflikt- und damit Gesellschaftsfähig zu werden. Nicht zuletzt sichern Pädagogen und Sozialarbeiter mit ihren Tätigkeitsmerkmalen den sozialen Frieden in unserer Gesellschaft.

Aus diesem Grund können Lehrer auch nicht die Stellen von Pädagogen – zum Beispiel im Jugendamt – übernehmen und andersherum. Pädagogen/Sozialpädagogen/Sozialarbeiter studieren in erster Linie Pädagogik/Sozialpädagogik/Sozialarbeit, Lehrer studieren in erster Linie ihre Lehr- bzw. Unterrichtsfächer. Darüber hinaus studieren beide Proffessionen begleitende Inhalte, so z. B. Lehrer Pädagogik/Sozialpädagogik und Pädagogen Kinder- und Jugendrecht. Damit werden Lehrer genausowenig Pädagogen, wie Pädagogen Juristen.